26.03.2012

Gurken-Gazette

BODAN:
Herr Bayrhof, mir fällt als erstes auf, dass hier bei Ihnen sehr viele verschiedene Kulturen wachsen.

 

Dieter Bayrhof:
Wir sind bemüht, eine möglichst große Vielzahl an Gemüsearten anzubauen, die wir zum großen Teil auf dem Wochenmarkt in Kempten und in unserem Hofladen anbieten. Wir bauen unter anderem Schlangengurken, verschiedene
Tomaten, Salate, Zucchini, Kräuter, Fenchel, Artischocken, Brokkoli, Blumenkohl, Radicchio, Feldsalat und einiges mehr an.
Es macht mich stolz, wenn ich auf dem Markt möglichst viel eigene Ware anbieten kann. Außerdem ist das für mich spannender und abwechslungsreicher, als nur einige wenige Kulturen anzubauen. Was ich sonst noch benötige, kaufe ich über den Überlinger Bio-Großhandel BODAN hinzu, der auch von mir Ware abnimmt, wie zum Beispiel die Gurken, aber auch Kräuter, Bundzwiebeln, Fenchel, Kohlrabi, Stangenbohnen und anderes.

 

BODAN:
Mir fiel zwischen den Reihen bei Paprika und anderem Gemüse der Bewuchs mit Getreide auf. Das erntet ihr
doch nicht allen Ernstes, oder?

 

Dieter Bayrhof:
Nein, dies sind die Futterpflanzen für Getreideblattläuse, mit denen später solange die Nützlinge ernährt werden, bis an der Kultur die eigentlich schädlichen Blattläuse auftreten.

 

BODAN:
Wie bitte? Wie funktioniert denn das?

 

Dieter Bayrhof:
Das Verfahren heißt offene Zucht und geht folgendermaßen: Wir säen Getreide zwischen den Reihen im Gewächshaus
und lassen es wachsen. Dann setzen wir Getreideblattläuse auf diesen Pflanzen aus. Diese sind auf einkeimblättrige Pflanzen spezialisiert, also auf Getreide. Die Gemüsepflanzen werden von den Getreideläusen nicht befallen. Sie vermehren sich und dienen dann den Nützlingen, die wir aussetzen, als Futterquelle. Die Nützlinge aber können dann
auch Blattläuse, die Gemüsepflanzen parasitieren, fressen und so unsere Kulturen vor Befall schützen.

 

BODAN:
Das klingt nach einem wirklich ausgeklügelten System. Schwieriger und aufwendiger als der Pestizideinsatz im konventionellen Anbau, aber eben auch gesundheitlich unbedenklich.

 

Dieter Bayrhof:
Übers Jahr setzen wir etwa zehn bis zwölf verschiedene Nützlingsarten in den Gewächshäusern ein. Diese helfen uns zusammen mit den vom Freien kommenden Nützlingen wie zum Beispiel Marienkäfern, ein biologisches Gleichgewicht zu halten.

 

BODAN:
Und wie sieht das ganze System auf den Kulturen im Freien aus, auf den Feldern?

 

Dieter Bayrhof:
Im Freiland decken wir gefährdete Kulturen, zum Beispiel Kohl und Karotten, mit Schutznetzen ab. Bei Rehen, die in einer Nacht manchmal reihenweise Salatherzen, vor allem Radicchio, rausfressen, hilft ebenfalls das Abdecken mit solchen
Netzen. Zur Förderung von Nutzinsekten im Freiland, zum Beispiel Schwebfliegen, säen wir Blumen und Kräuter zwischen die Gemüsefelder. Man kann auch sagen: Je natürlicher das Umfeld, umso besser ist auch das natürliche Gleichgewicht. Wir finden öfter auch Erdkröten, die zu uns ins Gewächshaus kommen.

 

Andreas Schur:
Ein wirklich komplexes Thema ...

 

Dieter Bayrhof:
... von dem ich nicht die Chance habe, es jemals wirklich verstehen zu lernen! In einer Handvoll vitalem Mutterboden befinden sich etwa sechs Milliarden Lebewesen, die alle in einer hochkomplexen Gemeinschaft miteinander leben und im Gleichgewicht stehen. Wie soll das ein Mensch erfassen und begreifen können? Als Gärtner kann ich nur durch Beobachtung lernen und versuchen, ein Gleichgewicht durch ein möglichst natürliches Umfeld zu erschaffen. Aber das macht die gärtnerische Arbeit für uns eben so spannend und faszinierend!