01.10.2021

Multi-Talente

und Eier vom Helchenhof

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Um Alternativen zur inakzeptablen Praxis des Kükentötens zu schaffen, hat BODAN von Beginn an die Brudertier Initiative Deutschland (BID) und die wichtige Grundlagenarbeit der Ökologischen Tierzucht (ÖTZ) unterstützt. In diesem Sommer sind nun auf dem Helchenhof aus dem Netzwerk "WIR. Bio Power Bodensee" die ersten ökologisch gezüchteten Zweinutzungshühner in ihren Mobilstall eingezogen. Ab Anfang Oktober kommen die Eier über BODAN in die Bioläden.

Warum Zweinutzungshühner züchten?

Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Zweinutzungshühner der Normalfall. Aber mit zunehmendem Ei-Konsum haben sich in der Geflügelwirtschaft industrielle Produktionsweisen entwickelt.

Damit einhergehend hat sich die Züchtung auf zwei Richtungen verengt: Es gibt Legehennen-Rassen, die fast jeden Tag ein Ei legen, aber kaum Fleisch ansetzen, und daneben Masttier-Rassen mit reichlich Fleisch an
Brust und Keule. Weil Aufzucht und Mast der Legehennenbrüder wirtschaftlich oft nicht rentabel sind, werden sie vielerorts direkt nach dem Schlüpfen getötet – eine inakzeptable Praxis.

Bereits seit 2012 sorgt daher die Brudertier Initiative Deutschland (BID, ehemals Bruderhahn Initiative Deutschland) dafür, dass auch die Legehennenbrüder aufgezogen werden. Die Ökologische Tierzucht (ÖTZ) setzt schon einen Schritt früher an, bei der Züchtung.

Ziel der Züchtung sind neue Zweinutzungs-Hühnerrassen, die in einem gesunden Verhältnis Eier legen und Fleisch ansetzten und damit eine Hühnerhaltung mit Aufzucht der Legehennen-Brüder – ohne Kükentöten, ohne In-Ovo-Selektion und ohne die Dominanz global agierender Zuchtkonzerne.

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Gemeinsam unterwegs: Hahn und Henne der Zweinutzungs-Rasse "Cream"
Foto: Ökologische Tierzucht | Eva Müller.

Gemeinsames Engagement hat sich gelohnt

Nun trägt das jahrelange Engagement erste Früchte: Noch ist die Züchtungsarbeit nicht abgeschlossen. Aber einige Pionier-Höfe sammeln schon Erfahrungen mit frühen Generationen neuer Zweinutzungshühner. Dazu gehören auch das Hofgut Rengoldshausen und der Helchenhof aus dem Netzwerk "WIR. Bio Power Bodensee".

Zu den Höfen des WIR. Netzwerks

Auf dem Helchenhof bei Überlingen wurden in diesem Jahr die ersten 160 Zweinutzungshühner eingestallt, deren Eier ab Anfang Oktober über BODAN in die Bioläden kommen. "Es sind Hühner der Rasse 'White-Rock', deren Hennen relativ viele Eier legen", erklärt Johannes Simons vom Helchenhof. "Die 'White Rocks' werden als Elterntiere zur Züchtung der Zweinutzungsrasse 'Cream' eingesetzt", so der Öko-Agrarbetriebswirt. Abgepackt werden die Eier auf dem benachbarten Hofgut Brachenreuthe, das ebenfalls zum WIR. Netzwerk gehört.

Mit den ersten Eiern von Zweinutzungshühnern wird eine Vision Wirklichkeit. Der Züchtungscent hat zu konkreten Ergebnissen geführt, von denen viele positive Impulse ausgehen.Sascha DamaschunGeschäftsführer der BODAN GmbH

Finanzierung wichtiger Grundlagenarbeit

Gemein-WohlIn den Jahren 2015 bis 2020 konnte BODAN in Partnerschaft mit Bioläden und deren Kunden über 290.000 Euro für Projekte der ökologischen Tierzucht und der Brudertier Initiative Deutschland mobilisieren und damit wichtige Grundlagenarbeit ermöglichen.

BODAN hat die zeit- und kostenintensive Grundlagenarbeit der ÖTZ von Beginn an unterstützt, auch als aktives Mitglied der Kampagne "1 Cent pro Ei für die Öko-Tierzucht".

Bisher gingen für jedes von BODAN vermarktete BID-Ei 4 Cent an die BID und für jedes Ei (ob von einem BID-Betrieb oder nicht) 1 Züchtungs-Cent an die ÖTZ.

"Das passiert auch weiterhin, aber nicht für die ÖTZ-Eier, die nun von Helchenhof kommen. Denn in diesen Eiern ist die Zukunft, also das neu gezüchtete Huhn, ja quasi schon eingebaut", erklärt Sascha Damaschun.

BODAN hat die Ökologische Tierzucht von der ersten Stunde an unterstützt. Das war für uns eine ermutigende Starthilfe. Das Engagement von Bioläden, die Bruderhahn-Aufzucht und Zweinutzungshuhn-Züchtung gemeinsam mit BODAN gefördert haben und weiter fördern, hat sich gelohnt. Sie ermöglichen Grundlagenarbeit für einen wirklich nachhaltigen Wandel in der Hühnerhaltung. Die In-Ovo-Selektion ist dagegen nicht nur inakzeptabel, sie hat sich auch als Sackgasse erwiesen. Denn die Geschlechtserkennung im funktioniert in der Praxis erst ab dem 9. Tag, aber bereits ab dem 7. Tag ist der Embryo im Ei schmerzempfindlich.Inga GüntherGeschäftsführerin Ökologische Tierzucht gGmbH

Vergnügtes Hühnerleben

Den Mobilstall für die ÖTZ-Hühner auf dem Helchenhof hat Johannes Simons kurzerhand selbst gezimmert. "Die Hühner und ich, wir verbringen viel Zeit auf dem Hof. Da wollte ich, dass wir’s schön haben", sagt er.

Am zweiten Stall wird gerade noch gesägt und gehämmert. Ende Oktober werden dann beide Ställe voll besetzt sein.

Die Legehennen ziehen hier im Alter von 18-20 Wochen ein, die Bruder-Küken im Alter von 6-8 Wochen. Johannes Simons rechnet hoch, dass ein Zweinutzungshuhn auf seinem Hof pro Jahr rund 230 Eier legt. Zum Vergleich: Bei konventionellen Hochleistungslegehennen liegt der Wert bei über 330. Dafür bleibt vom Futter dann auch recht wenig Substanz für den eigenen Körperbau. Häufig kommt es dadurch etwa zu Osteoporose und Knochenbrüchen.

Dagegen führen die Hühner auf dem Helchenhof ein gesund vergnügtes Leben. Mit ihren Mobilställen ziehen sie über die Weiden rund um den Hof und dürfen neben Getreide viel frisches Gras picken. Während die Hennen Eier legen, brauchen ihre Brüder bloß zu fressen. Am Ende ihres Lebens auf der grünen Wiese werden sie in der Region zu schmackhaften Fleischprodukten verarbeitet.

Das Qualitätssiegel

Produkte mit diesem Siegel sind ausschließlich im Bio-Fachhandel erhältlich. Es steht für Eier und Fleisch von Zweinutzungshühnern aus Öko-Tierzucht.

Das heißt konkret:

  • Vitale Zweinutzungshühner

    Vitale, fruchtbare Zweinutzungshühner, die im gesunden Verhältnis Eier legen und Fleisch ansetzen.

  • Ohne Kükentöten

    Henne und Hahn werden aufgezogen. Männliche Küken werden nicht getötet, auch nicht vor dem Schlüpfen (keine In-Ovo-Selektion).

  • Heimisches Futter

    Die Tiere kommen mit arttypischem heimischem Futter aus (z.B. kein Soja-Import nötig).

  • Gute Lebensbedingungen

    Ohne Käfighaltung und präventiv eingesetzte Antibiotika.

  • Ohne Gentechnik

    Die Züchtung erfolgt mit natürlicher Befruchtung.

  • Unabhängigkeit

    Züchter:innen und Legehennenhalter:innen bleiben unabhängig von global agierenden Zuchtkonzernen.

Weiterhin Pionierarbeit gefragt

Mit den ersten Eiern von Zweinutzungshühnern ist die Pionierphase allerdings noch nicht abgeschlossen.

"Die Weiterentwicklung zu einer wirklich ökologischen Legehennenzucht und -haltung erfordert auf allen Seiten einen Mehraufwand, was sich auch im Eier-Preis niederschlägt", erklärt Sascha Damaschun.

Von der Züchtung über die Brüterei, Legehennenhaltung, Futterzubereitung und Hähnchenmast bis hin zu Eiervermarktung und Fleischverarbeitung müssen zahlreiche Betriebe Hand in Hand arbeiten und ihre Prozesse aufeinander abstimmen.

Wir von BODAN sehen uns hier als Entwicklungspartner, der den Aufbau regionaler Kreisläufe über alle Wertschöpfungsstufen hinweg unterstützt.Sascha DamaschunGeschäftsführer der BODAN GmbH

Kreisläufe regionalisieren

"Mein Traum ist, nicht nur den Eier-Mast-Fleisch-Kreislauf zu regionalisieren, sondern auch den Futter-Kreislauf", verrät Johannes Simons. Weizen und Mais für das Grundfutter der Helchenhof-Hühner kommen jetzt schon vom nur 10 km entfernt liegenden Hottenlocher Hof.

Aber das ist erst der Anfang. Künftig möchte Johannes Simons auch das Kraftfutter, das aktuell noch von den Kraftfutterwerken Kehl geliefert wird, sukzessive durch Getreide aus Eigenanbau oder von anderen WIR.-Betrieben ersetzen.

"Und dann wäre es natürlich auch toll, wenn wir zusammen mit dem Hofgut Brachenreuthe und dem Kapellenhof irgendwann eine eigene Junghennen-Aufzucht hätten", so Simons.

"Wir stehen am Anfang eines Weges. Aber es ist jetzt schon toll zu sehen, welche starken Impulse von den Zweinutzungshühnern ausgehen – für die Lebensbedingungen der Legehennen und für die nachhaltige Regionalentwicklung", sagt Sascha Damaschun. "Wir freuen uns darauf, diese Pionierarbeit gemeinsam mit den Bioläden weiter zu begleiten."